Agroenergien

Irrweg Biomasse beim Energiemix


Die Agentur für Erneuerbare Energien in einer Pressemitteilung vom 19.Jan.2012: „Für eine zukünftige Energieversorgung bleibt ein Ausbau der Biomassenutzung unverzichtbar.“ Und die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) behauptet, dass „bis 2020 (die) Anbau-fläche (für Energiepflanzen) von 1,6 Mio ha (2008) auf 37 Mio ha steigerbar“ ist, auf dann 21,9% der LNF (landwirtschaftl. Nutzfläche), und das ohne Einschränkung der Nahrungs-mittelproduktion. Viele andere Institutionen, auch Bundesregierung und Hessische Landesregierung glauben ebenfalls an das vermeintliche Biomassepotential, wobei detaillierte Begründungen fehlen.
Nun häufen sich die Stimmen, dass es sich bei der energetischen Biomassenutzung um einen Irrweg handelt, und das sollte nicht Meinung, sondern nachvollziehbar sein. In einem Aufruf des Umweltinstituts München e.V., basierend auf einem Gutachten des Wissenschaftlichen Komitees der Europ. Umweltagentur (EEA) v.15.Sept.2011 (hier aus SFV-Brief 4/2011,S.40) heißt es: „Alle bisherigen CO2-Bilanzen basierten auf der Annahme, dass die Verbrennung von Biomasse CO2-neutral sei, ... Diese Annahme ist jedoch nicht korrekt, denn sie ignoriert die Tatsache, dass auf dem Land, auf dem Pflanzen für Bioenergie angebaut werden, keine anderen Pflanzen wachsen, die ebenfalls CO2 binden würden.“ Die Betrachtungen lassen das Umweltinstitut zu der Schlussfolgerung kommen:
„Denn Bioenergie ist (außer wenn sie aus organischen Reststoffen stammt) eine      humanitäre Katastrophe, klima- und umweltpolitisch kontraproduktiv.“
 Im Gutachten (EEA) selbst heißt es: „Die möglichen Folgen des Rechenfehlers in der Bioenergie-Klimabilanz sind immens. ..(Es) wurde in zahlreichen Berichten vorgeschlagen, dass Bioenergie in den kommenden Jahrzehnten 20-50% des Weltenergiebedarfs zur Verfügung stellen könnte oder sollte. Dies würde voraussetzen, dass die heutige Ernte verdoppelt oder sogar verdreifacht werden muss.“ Und das wiederum geht nicht, denn „schon die heutigen Ernten haben immense Lebensraumverluste verursacht, die vielleicht 75% des eis- und wüstenfreien Landes beeinflussen, und sie verringern die Wasservorräte und setzen große Mengen an Kohlenstoff frei“.
Die Argumente im Einzelnen:
Schon heute reichen auch in Deutschland unsere LNF für die Ernährung nicht aus. Die oft genannten Stilllegungsflächen gibt es nur aus wirtschaftspolitischen Gründen und nur auf dem Papier, denn sie existieren anscheinend gar nicht. Wir führen in großen Mengen Futtergetreide für unser Vieh ein, wir führen Lebensmittel ein, z.B. Palmöl, Zuckerrohr, Mais - auch für die chemische Industrie. Beim Palmöl etwa setzen die Torfböden Indonesiens 400mal mehr CO2 frei als durch die Palmölproduktion jährlich eingespart würde. Und wenn für den Import gefordert wird, dass deren Anbau nur auf schon landwirtschaftlich genutzten Flächen erfolgen darf, so erfolgt eben der indonesische Eigenbedarf auf neu in Kultur genommenen Torfböden.
Nicht nur lt. FR v. 10.Mai 2011 ist im Boden doppelt so viel CO2 gespeichert wie in der Atmosphäre. Werden Wiesen oder Wald in Felder umgewandelt, werden 35% des Kohlenstoffs frei, gehen als Gas in die Atmosphäre (1 t Humus speichert 3,67 t CO2). Auch Lachgas wird frei und das ist 295mal schädlicher als CO2. Gegenüber Bio-pfluglos-Bewirtschaftung verliert 1 ha durch konventionellen Anbau ca. 2 t Kohlenstoff, also mehr als 7 t CO2. Bei dem notwendigen Umstieg auf Ökolandbau, den wir auch aus ganz anderen Gründen brauchen, wird ca. 1/3 mehr Fläche benötigt, um die gleichen Erträge zu erwirtschaften.

Die Argumentation könnte hier schon enden    -
               wir haben keinen einzigen Hektar für Bioenergie übrig.


Aber lest weiter

Nicht die Kuh mit ihrem Methan-Ausstoß ist der Klimakiller, sondern die intensive Bodenbewirtschaftung bzw. die Intensivmast. Mist und Gülle von der Kuh können deutlich mehr Humus aufbauen als Jauche aus der Schweinemast. Wenn die Fläche vorhanden ist, gehören Rinder zum Gras fressen auf die Weide. In einem Beitrag der Zeitschrift Photon (10/2011,S.16) heißt es: „Damit die Biomasse
selbst bei einer sehr optimistischen Annahme von über 30000 kWh effektivem Stromertrag pro Hektar ....... 50 Prozent (unseres Stromverbrauchs, entsprechend 250 Terawattstunden) liefern kann, werden ....mehr als die Hälfte der gesamten Agrarfläche der BRD benötigt.“ Mit fortschreitendem Klimawandel müssen wir mit heißen Sommern und Trockenperioden rechnen, was zu Problemen bei den Ernteerträgen führen muss. Selbst wenn wir Flächen zur Energiegewinnung hätten, wären diese Erträge sehr unzuverlässig.
„Biokraftstoffe bringen Millionen Menschen extreme Armut“ titelte die FR v.22.08.11 bei einem Interview mit Nestle-Verwaltungsratschef P.Brabeck-Letmathe. Weitere Zitate:  „Es ist ein Unding, dass heute über die Hälfte des amerikanischen Mais- und 1/5 des Zucker-rohranbaus in Biotreibstoffe umgesetzt wird. ........ Ganz einfach, wir brauchen ein Verbot:    „NO FOOD FOR FUEL!“ Und er verweist auf die ökologischen Zusammenhänge:„Wir verbrauchen z.B. 9100 l Wasser, um einen Liter Biodiesel herzustellen.“ An anderer Stelle (P.Wohlleben, Holzrausch, S.97) werden für Ethanol 4500 l genannt, mit dem Vergleich: „Eine Tankfüllung mit 50 l Ethanol verbraucht demnach mehr Wasser als eine vierköpfige Familie im ganzen Jahr.“
Wie ineffizient die Energiepflanzenproduktion ist, wurde in der Zeitschrift Solarmobil schon in 9/2009 dargestellt. Mit Bioethanol aus Weizenerträgen eines Hektars fährt ein Auto 22500 km, mit Biogas aus Mais 67000 km und mit den aus Photovoltaik auf  einem Hektar gewonnenen Stromerträgen 3250000 (in Worten: drei Millionen zweihundertfünfzigtausend) km.
Natürlich sieht es mit der Klimaneutralität beim Verbrennen von Holz nicht anders aus. Die Überlegung, dass nur die Menge CO2 erzeugt wird, die der Baum vorher aufgenommen hat, berücksichtigt nicht die historische Situation. Die Überlegung wäre nur haltbar, wenn sich unser Klima im Gleichgewicht befände, wenn es keinen Klimawandel gäbe. Jede Tonne CO2, die heute durch Verbrennung entsteht, trägt zum Treibhauseffekt bei und es dauert 30-40 Jahre, bis die CO2-Menge wieder gespeichert ist. Wenn nicht längst geschehen, spätestens dann könnte der Klimawandel irreparabel sein.
Auch in der Waldbewirtschaftung geht es bei der CO2-Bilanz nicht nur ums Verbrennen, sondern auch um die Böden. „Junge Wälder geben nach der Pflanzung zunächst mehr CO2 ab, als sie aufnehmen. “(P.Wohleben, S.141/S.50) „...der verstärkte Einsatz von Holzern-temaschinen bereits jetzt über ¼ der Waldböden dauerhaft geschädigt hat“. Das bedeutet geringere CO2-Aufnahme und damit mehr CO2 in der Atmosphäre.
Wir brauchen jedes kg Biomasse als Rohstoff für den Ersatz von Erdölprodukten. 15% unseres Erdölbedarfs werden stofflich verwertet. Nicht einmal diese „kleine“ Menge können wir durch Anbau z.B. von Raps ersetzen. Wir bräuchten dafür ca. 127000 km² LNF unserer vorhandenen 187000 km², also mehr als 2/3 der Fläche.

FAZIT:  Bioenergiegewinnung muss sich auf die Nutzung von Reststoffen aus Landwirtschaft, Abwässern, Industriebetrieben und Landschaftspflege beschränken.   er SFV (Solarenergie-Förderverein Deutschland) hat 2007 in einer Grobabschätzung errechnet, dass damit ca. 3% des deutschen Gesamtenergiebedarfs abgedeckt werden könnten.


Autor: Klaus Scheithauer


powered by Beepworld